Hey everyone,
und das Abenteuer goes on. Yes! 
Es gleicht wohl eher einem Feldzug ... durch die Engstirnigkeit und Bürokratie dieses Landes ... 
 
Hätte nie gedacht, an welchen Stellen die Hürden des Transwegs in good ole Germany lauern ... nämlich v.a. dort, wo die Leuts es doch besser wissen sollten ... im "professionellen Bereich", in den Arztpraxen und bei der Krankenkasse. Der tägliche Kränkungscocktail ... it's the price you got to pay, baby!
Die Bürokratie und Spiele der Ämter hingegen waren ja zu erwarten ... ohne geht es halt nicht.
 
Zum Glück gibt es auch immer wieder positive Überraschungen auf dem Weg: Menschen, die ohne Scheuklappen und Berührungsängste einfach da sind.
Dafür bin ich sehr dankbar.
 
Und es gibt jene, die plötzlich verschwunden sind, im Schweigen, im Unverständnis. Viele von ihnen waren jedoch auch zuvor niemals wirklich da. So what!
 
Ich danke den Göttern für meine Sturheit und meine Kreativität, die mich immer wieder aufstehen und aus jedem Misthaufen was basteln läßt. YES!
 
Wotan
 
 
Foto © Wotan Beißwenger, 17th of September 2021; all rights reserved.
 

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Transgender: Ann-Uta → AnU → Wotan oder die schrittweise Dezimierung von Lebenslügen ...

Nicht nur die HP befindet sich aktuell im Update und Upgrade. Auch ich selbst. Ann-Uta gibt es schon lange nicht mehr. Ein "dead name" wie man in der LGBT-Szene sagt. AnU war eine hilfreiche Übergangslösung, um mich im Nicht-binären zwischen zu parken und alles zum drillionsten Mal für mich zu reflektieren. AnU war die kleinere Lüge, aber halt immer noch Lüge. Zeit zum Aufräumen, den Wanderer von der Leine zu lassen. Zeit für Wotan ... 

So – der Geist ist aus der Flasche und ich krieg ihn nicht mehr rein. Will ich auch nicht mehr. Fünfzig (!) Jahre Kampf und Krampf sind einfach genug.

 

Eigentlich wußte ich schon im Kindergarten, dass gendertechnisch bei mir mit der Zuordnung was nicht stimmt. Damals gab es nur keine Begrifflichkeiten dafür. Zumindest keine konstruktiven. Das rebellische Kind musste lediglich irgendwie passend gemacht werden. Das Biologische wurde über das Menschliche und Seelische gestellt – mit aller Gewalt und Zwangssozialisierung und auch später mit entsprechender Hormontherapie. Denn: So ganz eindeutig war das Biologische eben – zumindest in meinem Fall – doch nicht.

 

Ich habe mich mein ganzes Leben lang innerlich-seelisch als Mann empfunden … mein Empfinden, mein Denken, mein Gang, meine Art zu sprechen, die Art wie ich auf „echte“ Frauen schaue ohne jegliches Gefühl des Lesbisch-seins, mein Technik-Nerddom und meine Dichtergene ..., um nur einige Aspekte zu nennen.

 

Die Welt war eigentlich ganz ok - so lange sie mir nicht entgegenblickte aus bösen Spiegeln oder noch schlimmer, via Kontakt mit anderen Menschen und deren ständigen Maßregelungen, wie "mann als Frau" richtig geht, sitzt, sich kleidet, spricht, denkt ... fühlt. 

 

Das Resultat jahrzehntelanger Kollisionen zwischen Innen und Außen waren massiver Selbsthass und Hang zur Selbstzerstörung, generalisierender Hass auf alles Weibliche und eine abgründige Soziophobie, die ich mir selbst oft genug als philosophisch unterlegte Misanthropie zurecht gelegt habe. Plus schwärzeste Depressionen und tiefrote Wutszenarien, die meinem Namen echte Ehre machen *har!

 

Transgender-Phänomene galten damals noch als "krank", auf jeden Fall "pervers". Dieser fade Beigeschmack findet sich auch heute noch in den ach, so neuzeitlich-aufgeklärten Diskursen wieder.

Als ich etwa 2008 anfing, mich hier und da in meinem Umfeld testweise zu outen, Hinweise zu streuen, war das jedenfalls alles andere als ermutigend. Und ich selbst bin nun mal kein Schwarzenegger, sondern ein Dichter-Weichei. Ohne organische Eier, dafür aber mit reichlich Fantasie:

Ich träumte von Zwangs-OPs und dass „man“ mich irgendwo in Asien mit einem Leichen-Penis bestücken würde, wenn ich mich "richtig" outete. Frei nach dem Motto: „Wer A sagt, muss auch B sagen.“ 

 

Heute ist gesellschaftlich und politisch vieles anders … . Auch wenn Trans*personen nach wie vor massive, unzeitgemäße Felsbrocken vor die Füße geworfen werden. Immerhin landet man nicht gleich auf dem Scheiterhaufen, im KZ oder in der Psych. "Nur" auf dem argwöhnisch beäugten Isolationsgleis.

 

Die letzten Jahrzehnte waren wirklich deprimierend, anstrengend, kräftezehrend. Und erschreckend unauthentisch.

In meiner Arbeit mit anderen Menschen habe ich immer den Wert der Authentizität und Ehrlichkeit sich selbst, aber auch der Mitwelt gegenüber betont, z. T. auch eingefordert. Weil ich selbst nicht in der Lage war, diese Werte zu leben, habe ich mich in den letzten Jahren aus den beraterisch-therapeutischen Arbeitsfeldern zurückgezogen und übergangsweise in die Kunst geflüchtet. Das war wichtig und richtig, ist aber keine Dauerlösung. Zumal ich in absehbarer Zeit wieder gerne mit Menschen arbeiten und ein aktiver Teil dieser Gesellschaft sein möchte, ohne mich als Trans-Mann verstecken zu müssen!

 

Nach meiner im letzten Jahr subjektiv lebensbedrohlichen OP-Erfahrung habe ich mir geschworen, nicht als fake-Frau zu sterben. So setze ich nun endlich meine ziemlich männlich-breiten Füße auf den offiziellen Trans-Pfad.

Ann-Uta gibt es schon lange nicht mehr. AnU war eine hilfreiche Übergangslösung, um im Nicht-binären Zuflucht zu suchen und nochmal alles für mich zu reflektieren. AnU war die kleinere Lüge, aber halt immer noch Lüge.

 

Klar, es wird ein langer Weg bis zur „amtlichen Vornamens- und Personenstandsänderung“ in diesem unseren f*cking rückständigen Land, und es wird sicherlich stellenweise holprig und entmutigend.

Dennoch fühlt es sich insgesamt saugut an. Endlich Ehrlichkeit. Ungemein befreiend.

Glaube, ich bin in den letzten Monaten mindestens drei Zentimeter gewachsen, mein Gang ist aufrechter, meine Schritte nähern sich wieder denen vor meiner Zwangssozialisierung ... : 

 

Wotan, der Wanderer, nimmt also seinen Hut und zieht seines weiteren Weges … bergwärts über die Hürden des "amtlichen Alltagstests" ... 

 

 

© Wotan Beißwenger, 25.7.2021

 

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